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Wie der Marienkirchturm 1945 das Leben von Adolf Laufer rettete

Nach dem verheerenden Luftangriff am 28. März 1945 auf die Mindener Innenstadt lief mein Vater, der damals fast 9-jährige Adolf Laufer zur alten Molkerei gegenüber der heutigen Domschule, um Milch mit einer Milchkanne zu holen. Nach dem Abfüllen der kostbaren Milch ging er zu Fuß den Weg zurück zur Bäckerstraße. Ein britischer Kampfflieger umkreiste gerade den Kirchturm der Marienkirche und nahm einen Angriff auf den kleinen Jungen. Dieser stellte sich erschrocken an die Wand auf Höhe des ehemaligen Kinos Regina. Weniger Zentimeter vor seinen Füßen prasselte eine Salve aus einem Maschinengewehr auf dem Gehweg nieder. Dabei verschüttete der Junge die Milch. Der Kampfflieger wendete und nahm danach den Angriff auf den Scharn und feuerte dort einige Salven auf die Menschen, die sich in den Trümmern versteckten.

Für meinen Vater war es ein unglaublicher Schock und mit zitternden Beinen lief er zurück nach Hause, wo seine Mutter zuerst sehr erbost war, dass er so viel Milch verschüttet hatte, bis sie verstanden hatte, was geschehen war. Am gleichen Tag hatte Adolf Laufer schon ein anderes prägendes Erlebnis in der Bäckerstraße gehabt, wo Brandbomben das Nachbarhaus (heute Mengedoth) zerstört hatten und er eine schreiende Frau sah, die in den Flammen vor ihm verbrannte. Schon der Luftangriff war tragisch, da die Familie im Keller des Hauses Bäckerstraße 36 auf Apfelsinenkisten saß und die Detonationen in der Bäckerstraße so laut knallten und die Personen jedes Mal von den Kisten durch die Druckwellen hochflogen und auf dem Boden des Kellers im Dunklen landeten. Jedes Mal überkam den Jungen ein Schauer der Angst und die Menschen flehten und beteten, dass keine Bombe ihr Haus treffen würde – was bis auf ein paar Phosphorfackeln eintraf. Die Phosphorfackeln trafen im Übrigen das Kinderzimmer und verbrannten das Kinderbett. Bei einer Renovierung der Wohnung 1998 konnte ich die schwarze Wand beim Abziehen der Tapete entdecken.

Für meinen Vater waren diese Tage zwischen dem 28. März und dem 4. April 1945 die schlimmsten Kriegstage, die mit der Besetzung der Stadt durch die kanadischen Soldaten endeten. Mein Vater öffnete am Morgen nach einem Klopfen den neuen Machthabern die Tür. Es war ein schwarzer Soldat - das erste Mal, dass mein Vater einem Menschen mit dunkler Hautfarbe begegnete. Dieser gab ihm ein Kaugummi (das erste in seinem Leben) und fragte nach dem Goldschmied, da bei den Kampfhandlungen eine Halskette gerissen war. Damit hatte das Haus Laufer in der Stunde Null seinen ersten Auftrag von den neuen Besatzern erhalten.

Soweit ich weiß, war der englische Kampfpilot in den 70er Jahren nochmal in Minden und hat sich bei meinem Vater entschuldigt. Er hatte anfangs nicht erkannt, dass er auf ein Kind geschossen hatte und war im Nachhinein froh, dass der Winkel durch den Kirchturm nicht genau passte. Somit hat der Kirchturm der Marienkirche für die Familie Laufer eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Jedoch war der Kirchturm und die Marienkirche immer schon ein Spielplatz für meinen Vater gewesen – für mich genauso (Fußballspielen und „Räuber und Gendarm“ in den 70ern). Und heute spielen unsere Kinder dort und sind auch schon auf den Turm gestiegen.

Wenn wir nach langer Zeit aus dem Urlaub kommen, freuen wir uns, den Marienkirchturm zu sehen. Er gibt uns das Gefühl, sicher zuhause angekommen zu sein. Dabei erinnere ich mich oft an die Geschichte meines Vaters.
Olrik Laufer

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